LENZ nach Georg Büchner

Textmaterial
Im Sommer 1833 wanderte Georg Büchner durchs die Vogesen. Das liebliche Land hat einen tiefen Eindruck auf den 20jährigen Studenten gemacht. Büchner war bestens vertraut mit den Ereignissen um den berühmten Wanderer, der fast ein halbes Jahrhundert vor ihm durch die elsässischen Berge ging, Jakob Michael Reinhold Lenz.
Büchners Lenz schildert eine Winterreise an die Grenzen der Sprache. Lenz ist auf der Suche nach dem Anderen des Diskursiven, er wehrt sich gegen die Omnipräsenz von Sinn und Bedeutung.
Das Ziel der Reise hätte Lenz erreicht, wenn es ihm gelänge, den Ort zu finden, da „eine Musik“ ertönt, wie sie in den Schritten eines Mädchens mitschwingt, das er vergeblich zu retten versucht: „ es war so eine Glückseligkeit in ihr, und das strömte in mich über, ich war immer ruhig.“
Büchners Protagonist ist geradezu ein einziger Schrei nach Ruhe. Über
60 Mal sind Worte wie still, ruhig und schweigend in dem knappen und konzentrierten Text zu finden. Was aber nicht heißt, dass auch Lenz im Tal der stillen Steine Ruhe findet. Statt Ruhe zu finden, ist Lenz verdammt, andauernd „die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit, und die man gewöhnlich Stille heißt“ zu hören.

Künstlerische Umsetzung
Stille ist Hauptthema in Büchners Lenz. Nun stellt sich uns das Problem der Semantisierung dieses Begriffes. Im selben Moment, wie man Stille ausspricht, verschwindet sie. Das Zeichen tilgt seine Bedeutung. Um sich diesem Begriff nähern zu können, muss man auf Repräsentation verzichten. Wie soll das aber möglich sein in der darstellenden Kunst Theater, der Kunstform der Repräsentation schlechthin?
Das ist die Herausforderung.

Text, Bewegung & Musik
Es geht in dieser Begegnung um das Zusammenspiel von Bewegung, Text und Musik im weitesten Sinne.
Jedoch interessieren uns die Kräfte von Klang, Raum und Bewegung als Kräfte an sich, nicht nur als Unterstützung oder Illustration von etwas, das schon im Text steht und mit diesem sozusagen zu einer Bedeutung verschmilzt. Die Musik dient dem Text nicht als Teppich, als Geräuschekulisse, sondern fordert diesen zum Duell.
Die Musik bildet eine eigene Ebene des Akustischen, die nicht notwendigerweise mit der visuellen synchronisiert ist, sich immer wieder von ihr ablöst. Das Hören findet auf einer vom Sehen oft unabhängigen Ebene statt. So gibt es eine akustische und eine visuelle Bühne. Daraus, dass diese beiden Bühnen nicht identisch sind und oft nicht parallel verlaufen, entsteht die Spannung der Aufführung und der Spalt, in dem der Zuschauer/Zuhörer sich das Geschehen selbst zusammensetzen kann. So werden beim Zuschauer neue Phantasieräume geschaffen.
Jeder Stummfilm hat für den Betrachter einen endlosen akustischen Raum, und jedes Hörspiel einen endlosen visuellen Raum. Im Lenz geht es uns darum, diese beiden endlosen Räume zu erhalten.
Die Spannung des Stückes liegt darin, die unterschiedlichen Sprachen gegeneinander auszuspielen, sie aufeinander prallen zu lassen. So stark, dass die Bedeutungszuordnung nicht mehr funktioniert. Die Verbindung vom Zeichen zur Bedeutung, für die es steht, gerät ins Wanken. Damit begeben wir uns im Lenz an die Grenzen von Sprache überhaupt.